Die Heizperiode beginnt: Belegreifheizen beim Heizestrich
Anfang Oktober werden die Nächte kühl, und in vielen Neubauten im Oberbaselbiet läuft die Heizung zum ersten Mal richtig. Wer eine Fussbodenheizung hat, kommt damit oft in eine Phase, die über den Einzugstermin mitentscheidet: das Belegreifheizen. Der Estrich wird dabei so lange gezielt beheizt, bis er trocken genug für Parkett, Platten oder einen anderen Belag ist. Was die Norm SIA 251 dazu verlangt, wie das Aufheizen in der Praxis abläuft und wo es auf der Baustelle am häufigsten hakt, erklären wir hier.
Warum ein Heizestrich trocken geheizt wird
Estrichmörtel braucht beim Einbauen mehr Wasser, als der Zement oder das Calciumsulfat chemisch bindet. Dieser Überschuss muss wieder hinaus, bevor ein Belag daraufkommt. Die Norm SIA 251 «Schwimmende Estriche im Innenbereich» verlangt deshalb, dass Estriche mit Fussbodenheizung vor dem Verlegen der Bodenbeläge trocken geheizt werden. Wie viel Restfeuchte dann noch erlaubt ist, hängt von der Estrichart und vom Belag ab.
Was passiert, wenn zu früh belegt wird, beschreibt der Schweizer Fachverband Pavidensa sehr deutlich: Unter einem starren Plattenbelag schwindet der Estrich weiter, die Konstruktion wölbt sich und bricht im mittleren Drittel ein. Dazu kommt, dass Heizestriche dicker sind als unbeheizte. Einen Zementestrich mit Bodenheizung bauen wir im Wohnbau ab 7 cm stark ein, ohne Heizung ab 5 cm. Bei höheren Lasten, etwa in Schulen oder Gewerbebauten, und je nach Rohrdurchmesser wird er deutlich dicker. Die Trocknungszeit wächst dabei nicht im gleichen Verhältnis wie die Dicke. Pavidensa rechnet bei doppelter Schichtdicke mit der vierfachen Austrocknungszeit.
Die Wartefristen vor dem ersten Aufheizen
Frischer Estrich darf nicht sofort warm werden. Bis zum ersten Aufheizen darf die Vorlauftemperatur der Bodenheizung 20 °C nicht übersteigen. Beim Zementestrich beginnt das Aufheizen frühestens 21 Tage nach dem Einbau, beim Calciumsulfatestrich und beim Fliessestrich frühestens nach 7 Tagen. Bei beschleunigten Estrichen gilt der Aufheizplan des Systemherstellers, das lässt SIA 251 ausdrücklich zu. Bei unserem beschleunigten Estrich beginnt das Funktionsheizen schon 24 Stunden nach dem Einbau. Am Anfang steht das Funktionsheizen, eine Belastungsprobe für Heizung und Estrich mit fest vorgegebenen Temperaturstufen. Es zeigt, ob die Anlage funktioniert. Fertig getrocknet ist der Estrich danach in aller Regel noch nicht, dafür ist das Belegreifheizen da.
So läuft das Belegreifheizen beim Estrich ab
Die Pavidensa-Empfehlung PAV-E 03a beschreibt den Ablauf so: Nach der Wartefrist wird die Vorlauftemperatur für einen Tag auf 25 °C eingestellt und danach täglich um 5 °C erhöht, bis die maximale Vorlauftemperatur erreicht ist. Bei Calciumsulfatestrichen liegt die Obergrenze bei 50 °C. Diese Temperatur bleibt stehen, bis der Estrich belegreif ist. Danach wird täglich um 10 °C abgesenkt. Dieser Ablauf stammt von Pavidensa, SIA 251 selbst regelt nur das Funktionsheizen (Ziffer 5.9.5) und die 50 °C bei Calciumsulfat.
Auf der Baustelle hängt der Erfolg vor allem an drei Punkten. Die Heizung läuft ohne Unterbruch, also ohne Nachtabsenkung und ohne Pause übers Wochenende. Alle Heizkreise sind voll offen, damit die Fläche gleichmässig warm wird. Und es steht genug Leistung bereit: Für zügiges Trockenheizen nennt Pavidensa 80 bis 100 Watt pro Quadratmeter.
Wenn die Heizung nur 35 Grad liefert
Hier liegt der häufigste Engpass. Neue Fussbodenheizungen dürfen im Kanton Basel-Landschaft auf höchstens 35 °C Vorlauftemperatur ausgelegt werden. Für das spätere Wohnen ist das sinnvoll, zum Trockenheizen reicht es oft nicht. Zwischen 35 °C und 50 °C Vorlauf liegen laut Pavidensa Welten bei der Austrocknungszeit. Niedertemperaturheizungen brauchen deshalb für diese Wochen eine mobile oder provisorische Zusatzheizung.
Eine Wärmepumpe mit Erdsonde kommt dafür nicht in Frage. Der Gebäudetechnikverband suissetec hält fest, dass solche Anlagen nicht zur Bauaustrocknung verwendet werden dürfen, weil das Erdreich um die Sonde zu stark auskühlt. Bei Luft/Wasser-Wärmepumpen schliessen manche Hersteller diesen Einsatz ebenfalls aus. Klären Sie darum früh mit dem Heizungsinstallateur, woher die Wärme für das Belegreifheizen kommt und wer das Gerät stellt. Die Massnahmen für eine fristgerechte Trocknung sind nach SIA 118/251 Sache der Bauherrschaft.
Lüften gehört dazu
Die Wärme treibt das Wasser aus dem Estrich in die Raumluft. Bleibt die feuchte Luft im Haus, stockt die Trocknung. Deshalb mehrmals täglich alle Fenster ganz öffnen, am besten quer durchs Haus, und nach einigen Minuten wieder schliessen. Gekippte Fenster tauschen kaum Luft aus und kühlen vor allem die Laibungen. Für Zementestriche sieht die Pavidensa-Empfehlung ab dem 21. Tag vier bis fünf Stosslüftungen pro Tag vor.
Wann der Estrich belegreif ist
Das entscheidet nicht der Kalender, sondern die CM-Messung über die ganze Estrichdicke. Welcher Wert gilt, hängt vom Belag ab. Für Parkett auf Bodenheizung nennt der Parkettverband ISP beim Zementestrich 1,6 CM-% und beim Calciumsulfatestrich 0,3 CM-%, für andere Beläge gelten andere Werte. Hersteller können abweichende Werte vorgeben. Gemessen wird vom Boden- oder Plattenleger an vorher markierten Stellen, damit niemand eine Heizleitung anbohrt. Ohne Beschleuniger rechnen wir beim Zementestrich mit 7 bis 8 Wochen bis zur Belegreife, beim Calciumsulfatestrich mit 5 bis 6 Wochen. Ein feuchter Herbst oder ein zu schwaches Heizgerät verlängern das spürbar.
Bei Heizestrichen stellen wir das Aufheizprotokoll bereit, in dem jeder Schritt mit Soll- und abgelesener Vorlauftemperatur festgehalten wird. Unterschrieben wird es vom Auftraggeber und vom Heizungsbauer, verantwortlich ist nach SIA 118/251 die Bauherrschaft. So sieht der Bodenleger später schwarz auf weiss, was mit dem Estrich geschehen ist.
Kommt Ihr Estrich in diesen Wochen ans Heizen und Sie wissen nicht, wie Ihre Anlage auf die nötige Temperatur kommt, besprechen wir das gern mit Ihnen und Ihrem Heizungsinstallateur. Eine kurze Nachricht über unser Kontaktformular genügt.
Quellen
- SIA 251 «Schwimmende Estriche im Innenbereich»
- SIA 118/251 «Allgemeine Bedingungen für schwimmende Estriche im Innenbereich»
- Empfehlung PAV-E 03a:2021 Austrocknungsverhalten von Estrichen mit Fussbodenheizung, PAVIDENSA Abdichtungen Estriche Schweiz
- Empfehlung PAV-E 01:2020 Spezielle Bedingungen für Heizestriche, PAVIDENSA Abdichtungen Estriche Schweiz
- Merkblatt Fussbodenheizungen im Estrich (Unterlagsboden), Oktober 2025, suissetec Schweizerisch-Liechtensteinischer Gebäudetechnikverband
- Merkblatt Bauaustrocknung/Bautemperierung, Januar 2025, suissetec Schweizerisch-Liechtensteinischer Gebäudetechnikverband
- Vollzugshilfe Heizungs- und Warmwasseranlagen (EN-3 BL), September 2025, Kanton Basel-Landschaft, Bau- und Umweltschutzdirektion
- Aufheizprotokoll / Funktionsheizen, MAPEI SUISSE SA
- SIA 251:2008 Schwimmende Estriche im Innenbereich (Produktseite, gültige Ausgabe), SIA Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein
- Unterlagsböden, J. Nager AG
- Merkblatt 5 «Parkett auf beheiztem/gekühltem Untergrund», Ausgabe 03/25, ISP Interessengemeinschaft der Schweizerischen Parkett-Industrie
